„Spießer werden aussortiert“
Kumpeltyp statt Karrierist: BWL-Student Philipp Beltz mag keine Elite-Klischees
Früher war er Klassenclown, ist sogar einmal sitzengeblieben. Heute hat Philipp Beltz ein Stipendium der Bayerischen Elite-Akademie, gehört zu den besten Studenten des Landes. Von Einem, der in keine Schublade passt.
Von Julia Hahn
Wenn Philipp von Elite spricht, schreibt er Gänsefüßchen in die Luft. „Mit dem Begriff muss man vorsichtig umgehen“, sagt er. Und dabei gehört der 24-Jährige selbst zur Elite, studiert BWL an der Exzellenz-Uni LMU und hat ein Stipendium der Bayerischen Elite-Akademie. Doch Philipp bleibt bescheiden, trägt lieber Ringelpulli statt Anzug.
Nach Abi und Zivildienst ist er für ein Praktikum beim Motorenbauer MAN von Weimar nach München gezogen. Sein Chef hatte ihm damals die Elite-Akademie empfohlen, denn die sei was für Leute, die mehr wollen als andere. Philipp will vor allem eines: etwas zurückgeben. „Ich bin begabt, werde gefördert und will auch was für andere tun“. Das klingt selbstbewusst und idealistisch zugleich. Philipp meint es ernst. In der Schule war er Klassensprecher, heute hilft er den rund 450 BWL-Erstsemestern beim Uni-Einstieg. Schnell wird klar: Philipp hat das, was viele Stiftungen als soziales Gewissen bezeichnen.
Auch bei den Juroren der Elite-Akademie kam das gut an. Für sie zählen nicht nur Prüfungsleistungen, sondern auch Engagement und Persönlichkeit. Das Studienfach spielt keine Rolle, die Akademie sucht nach Physikern, genauso wie nach Philosophen oder Germanisten. Geboten werden Lehrgänge, Praktika, Projekte und Kontakte in die Chefetagen. Rund 300 Bewerbungen gehen jährlich ein. Nur gut ein Drittel der Studenten wird zur Auswahltagung eingeladen. In Gruppendiskussionen, Gesprächen und Rollenspielen wird hier die Elitetauglichkeit der Kandidaten getestet. Die Managerauslese erfolgt nach genauen Regeln, mit Formblatt und Noten bis in die Nacht hinein. Innerhalb von drei Tagen schrumpft die Gruppe so von 100 auf nur noch 30 erfolgreiche Studenten. „Das war das Härteste, was ich bisher erlebt habe“, sagt Philipp. Nicht wegen der Aufgaben, aber wegen der Spekulationen darüber, was die Juroren wollen. Und die wollen alles, außer Mainstream. „Spießer werden aussortiert“, sagt Philipp. Querdenker mit Zottelschopf und Biolatschen hätten genauso eine Chance wie Musterschüler mit Stehkragen; Hauptsache man sei authentisch.
Aus ihren Anforderungen macht die Elite-Akademie kein Geheimnis: Die Besten sollen nicht nur leisten, sondern auch verantworten. Ein anspruchsvoller Doppelpack, den die Elite von morgen auf den Schultern trägt. Dabei hatte der Elite-Titel vor allem zur Gründungszeit der Akademie für Zündstoff gesorgt. Ende der 90er galt der Begriff als provokant, diskutiert wurden Verbindungen zu Macht- und Klassenkonzepten. Dennoch haben sich die Gründer, darunter Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber, für den offenen Umgang mit der Elite entschieden. Eine Stiftung sollte entstehen, die Hochschule, Staat und Wirtschaft zusammenbringt und den Nachwuchs gezielt und nachfrageorientiert fördert.
Heute hat die Bayerische Elite-Akademie ihren Sitz in der ehemaligen Staatskanzlei - ein Geschenk der Landesregierung. Edmund Stoibers altes Arbeitszimmer wird als Sitzungssaal genutzt. „Jede Gesellschaft braucht Eliten“, sagt Akademieleiter Thomas Wellenhofer. Er ist froh, dass die Stiftung den Elitebegriff im Namen trägt. „Er ist kontrovers und zwingt uns, ihn immer wieder aufs Neue zu diskutieren“.
Rund 20 Millionen Euro hatten die Stifterfirmen damals in die Idee investiert. Ein Startkapital, das heute arbeitet und den Akademie-Schülern zwar kein finanzielles Stipendium ermöglicht, aber eine Zusatzausbildung, die den Weg zum Erfolg abkürzen soll. „Die Akademie ist sicher keine Jobgarantie, aber sie öffnet Türen“, sagt Wellenhofer.
Netzwerken heißt das Schlüsselwort. Und deshalb fahren Philipp und die anderen in den Semesterferien für vier Wochen in die IHK-Akademie nach Westerham-Feldkirchen bei München. Dort wird das nachgeholt, was an den Universitäten zu kurz kommt: Rhetorik, Präsentationstechniken, Kommunikationspsychologie. Das Handwerkszeug für Führungskräfte in Kompaktformat auf drei Semester verteilt, unterrichtet von Koryphäen aus Wissenschaft und Praxis. 20.000 Euro kostet die gesamte Ausbildung, 650 Euro zahlen die Stipendiaten pro Lehrgang selbst, den Rest trägt die Stiftung. „Elite darf nichts mit Geld zu tun haben“, sagt Philipp. Sein Studium finanziert er sich selbst, arbeitet bei MAN als Werkstudent. Für die Seminarkosten kann er bei der Stiftung einen zinslosen Kredit aufnehmen.
Ab und an geht Philipp jetzt mit dem Personalvorstand der Allianz Deutschland essen. Auch das gehört zum Konzept der Elite-Akademie. Jeder Stipendiat bekommt einen persönlichen Mentor, der Ratschläge gibt, Kontakte und Praktika vermittelt, bei Problemen hilft. Allianz, McKinsey, Siemens und Co.: Die Liste der Elite-Mentoren liest sich wie das „Who is Who“ der erfolgreichsten Unternehmer des Landes.
Philipp hat sich Personaler Ulrich Schumacher ausgesucht, beim Speed-Dating in der Elite-Akademie. Jeder Mentor bekommt einen Tisch, die Stipendiaten machen die Runde. Zehn Minuten dauert das Gespräch, dann erinnert ein Glockenton ans Weiterrücken. „Bei uns hat’s gepasst. Die Interessen, die Chemie“, sagt Philipp. Ulrich Schumacher hat selbst viele Jahre in der Autoindustrie gearbeitet, hat das geschafft, wovon Philipp noch träumt. Das Mentoring-Programm der Elite-Akademie sieht der Personalchef rational. Er spricht von „Zeitinvestment mit Profit für beide Seiten“. „Wir haben ein ureigenes Interesse, Nachwuchs für unsere Firma zu gewinnen“, sagt Schumacher. Für ihn gehören Hochschule und Wirtschaft zusammen, kommen nur durch Austausch und Kooperation voran. Sein Unternehmen, die Allianz, bekommt durchs Stiften ganz nebenbei ein soziales Gesicht.
Der Kontakt zu Philipp ist für Schumacher eine Zukunftsinvestition. Doch von Seilschaften und Beziehungseliten will er nichts wissen. „Wer das als reines Karrieresprungbrett sieht, kommt sicher nicht ans Ziel“, sagt der Personalchef. Das Du hat er Philipp noch nicht angeboten. Da halte er es lieber etwas konservativer, sagt Schumacher. Bei manchen Studenten und ihren Mentoren sei das anders, weiß Philipp. „Die gehen auch mal zusammen auf die Wies’n“. Doch für den BWL-Studenten zählen andere Dinge. „Ich frage mich oft, wohin ich eigentlich will, was mein Ziel ist“, sagt er. Dann wird im Terminkalender von Ulrich Schumacher Platz geschaufelt. „Ich kann von seinen Erfahrungen profitieren, aber ich lasse mir nicht reinreden“, sagt Philipp.
Für ihn ist die Elite-Akademie schon jetzt ein Sprungbrett. Der Elite-Begriff glänzt im Lebenslauf und: Er hat Anziehungskraft. Philipp hat ein eiteres Stipendium speziell für Wirtschaftswissenschaftler bekommen.

