Forschen, Füttern, Führen
Die meisten denken immer noch, wer das eine hat, muss auf das andere verzichten, erzählt Astrid Lux-Endrich – darunter Freundinnen, Bekannte und vor allem junge Akademikerinnen: entweder Kind oder Karriere. Als sie vor ein paar Monaten mit dickem Bauch vor die Studentinnen trat, hörte sie von ihnen immer wieder die eine Frage: „Wie schaffen Sie das eigentlich?“ Die Antwort ist kurz, aber eindeutig: „Mit vollem Einsatz.“
Astrid Lux-Endrich ist Mutter von sechs Kindern. Ihr Jüngster ist drei Monate, ihr Ältester 18 Jahre alt. Als sie mit ihm schwanger war, stand Astrid Lux-Endrich mitten im Vordiplom. Statt Klausuren zu schreiben, ging es erst einmal in den Kreißsaal. Sie holte die Prüfung nach, bestand und nahm den Kleinen mit in die Uni. In den Pausen wurde er gewickelt, und wenn er während der Vorlesung anfing zu schreien, stillte sie ihn.
Familie und Forschung
Die Familie hatte schon immer einen festen Platz in ihrem Leben, ebenso wie die Forschung. Astrid Lux-Endrich ist wissenschaftliche Referentin des Dekanats am Wissenschaftszentrum für Ernährung, Landnutzung und Umwelt der Technischen Universität München. Hier hat sie erst Gartenbauwissenschaften studiert, danach promoviert. Für je drei Monate war sie – bei jedem Kind und egal auf welcher akademischen Karrierestufe sie gerade stand – Vollzeit-Mama.
Diese Zeit nach der Geburt blieb sie daheim, wusch Wäsche, wartete mittags mit dem Essen, erklärte Matheaufgaben, holte die Kinder von der Schule ab und brachte sie abends ins Bett. Alle zwei Tage telefonierte sie mit der Fakultät und ließ sich über den neuesten Forschungsstand unterrichten. „Ich war nie wirklich weg, es gab immer Projekte, die weiter getrieben werden mussten.
Als Wissenschaftlerin kann ich nicht für ein paar Monate oder sogar zwei Jahre verschwinden.“ Doch nicht jeder in ihrem Umfeld verstand diesen Ehrgeiz: Die Stimmen wurden bei jeder Geburt lauter: „Na, bleibt sie jetzt endlich mal daheim?“
Die Universität entdeckt die Frauen
Astrid Lux-Endrich wollte immer beides, Kind und Karriere. Damals, als sie sich für die Wissenschaft als Arbeitgeber entschied, musste sie dafür kämpfen. Heute lassen sich die Unis, um Wissenschaftlerinnen wie sie zu gewinnen, etwas Besonderes einfallen: Sie sponsern Laptops, mit denen von zuhause aus weiter gearbeitet werden kann. Sie stellen Assistenten ein, und sie kümmern sich um Kinderbetreuung, damit Mama außer füttern vor allem weiterforschen kann.
Es scheint, als entdeckten die Universitäten die Frauen. Vor allem die TU München ist in den vergangenen Monaten vorgesprescht: Sie will sich nicht nur einen Namen machen mit exzellenter Forschung, sondern auch mit herrvorragender Förderung von Familien: „Wir wollen frauenfreundlichste, technische Uni werden“, verspricht Präsident Wolfgang Herrmann.
Rund sieben Millionen Euro und damit 13 Prozent der Exzellenzmittel stehen an der TU einem sogenannten Gender Board zur Verfügung – mit diesem Geld konnten schon zwei neue Stellen geschaffen werden, Sozialpädagoginnen beraten sowohl Frauen als auch Fakultäten. Es wurden Fonds eingerichtet, die für Kinderbetreuung Fördergelder ausschütten sollen, Gleichstellungsprogramme wurden gegründet und entstehen soll zudem ein neuer Kindergarten.
Viele der Ideen haben über zwanzig Jahre in der Schublade gelagert, sagt Astrid Lux-Endrich. Doch sobald man sie herausholte, reagierten die einen genervt und gelangweilt, bei den anderen stieß man auf taube Ohren. Seit dem diese Punkte aber auf Papier stehen, wird endlich zugehört. Für die Wissenschaftlerin ist dies ein großer Segen. Sie fühlt sich ein Stück weit als Vorreiterin, die Anreize schaffen will, um jungen Akademikerinnen, die Karriereplanung zu erleichtern.
Schon heute nimmt die Technische Universität eine Vorreiterrolle ein: In einem aktuellen Ranking, bei dem der Frauenanteil der Promotionen, Habilitationen und von Studierden berücksichtigt wurde, landet sie auf dem ersten Platz. Und dennoch: 31,4 Prozent der Studierenden sind Frauen, bei den Habilitierenden sind es nur noch 20 Prozent.
Karriereknick nach der Promotion
Ein Karriereknick, der nicht nur in München Sorgen macht. Sondern in ganz Deutschland: Denn da sich die Zahlen konstant an allen Hochschulen widerspiegeln, sprechen sie eine deutliche Sprache. Während Frauen während des Studiums oftmals noch gleichauf mit dem Männern liegen, fällt ihr Anteil stark ab, je höher sie die Karriereleiter erklimmen. Die TU gibt sich dennoch ehrgeizig: Den Professorinnenanteil will sie in den nächsten 15 Jahren verdreifachen. Derzeit gibt es 344 Proffessoren, nur 29 davon sind weiblich.
„Es ist allerhöchste Zeit zu kapieren, dass wir ohne die intellektuellen Reserven der weiblichen Bevölkerung nicht weiterkommen“, sagt Wolfgang Herrmann, der strategisch unternehmerisch denkende Kopf des Präsidiums. Er sagt, dass Frauenförderung eine „unabdingbare Dienstleistung einer modernen Uni“ sei, ist aber auch schon lange bemüht, Frauen in Führungspositionen zu bringen, lobt seine Vize, Hannemor Keidel. Keidel repräsentiert den grübelnden Geist des Präsidiums. Sie sitzt in ihrem Büro im Präsidententrakt der Technischen Universität: Eine bodenständige Frau mit einem ruhigen, herzlichen Lachen, die zeigt, dass die Exzellenzinitiative zwei Seiten hat und nicht nur auf Profit und Profil, sondern auch auf Personen hin konzipiert ist.
Hannemor Keidel ist Politikwissenschaftlerin, 65 Jahre alt. Sie hat hart dafür gearbeitet, herausragend zu sein. Früh entschied sie sich für Familie, hat aber auch der Wissenschaft nicht entsagt. Heute hat sie zwei erwachsene Kinder. Als sie mit Ende 20 schwanger war, sagten andere: „Du spinnst, wieso gehst du arbeiten, wo du doch einen gut verdienenden Mann hast.“
Raus aus der Schmuddelecke
Keidel musste stets legitmieren, wenn sie statt über den den Laufstall gebeugt vor dem Laptop saß. Doch sie ist alles andere als eine feste Verfechterin der Feministinnen, die radikale, frauenrechtliche Parolen propagiert. Sie argumentiert sachlich, wenn sie sagt, dass sie das Thema Gleichberechtigung in die Gesellschaft holen will. Hin zum Selbstverständnis, raus aus der Schmuddelecke.
Eigentlich schreiben schon seit den 90er Jahren Gleichstellungsgesetze vor, dass weibliche Bewerberinnen überall da, wo sie unterrepräsentiert sind, bevorzugt eingestellt werden sollen. Zumindest dann, wenn sie die gleichen Qualifikationen mitbringen wie männliche Bewerber. Die Vereinbarkeit von Forschung und Familie – das ist ein Bild, das eigentlich schon vor Jahren in den Hochschulen skizziert hätte werden können, aber erst langsam an Konturen gewinnt.
Die Exzellenzintitiatve hat hier nicht nur eine Diskussion angeregt, sie hat eine deutliche Dynamik erzeugt, sagt Peter Strohnschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Auch der Wissenschaftsrat machte sich in den vergangenen Jahren immer wieder für Chancengleichheit stark. Schon vor zehn Jahren empfahl er in einem Schreiben die „nachhaltige Integration von Wissenschaftlerinnen in das bestehende Wissenschaftsystem“. Eine eindeutige Forderung – aber ohne Erfolg.
Gleichstellung: Oft noch mangelhaft
Frauenförderung: Fehlanzeige. Dies quittierten den deutschen Universitäten während der Exzellenzinitiative auch internationale Gutachter, als sie die ersten Anträge sichteten, das Thema Gleichstellung darin aber oft nicht fanden. Ein modernes Gender-Konzept war im Rennen um den Elitetitel zwar ein Muss, doch tatsächlich nahmen es nicht alle ernst. „Es war ein Ideenwettbewerb – nicht jede Universität kam mit einer originellen Idee“, sagt Strohschneider.
Die Technische Universität hatte sie. Geschildert sind sie auf vier von 70 Seiten des Exzellenzantrags. Hier reihen sich so verheißungsvolle Begriffe wie „Gender Mainstreaming“, „Diversity Management“, und „Work Life Balance“ aneinander. Begriffe aus der Welt des Marketing und Managements, die sich im Wissenschaftsbetrieb scheinbar verirrt haben, aber nun eben hier Schule machen sollen. Ausgerechnet eine technische Universität gibt dabei den Ton an. Ideen gibt es zuhauf, einige kamen auch von Männern, doch bessere Beratung und Betreuung allein führen nicht zum Ziel.
Trotz Unikarriere nicht kinderlos
Viele der Akademikerinnen, deren Arbeitgeber die Wissenschaft ist, muss vor allem noch Mut zugesprochen werden, trotz Unikarriere nicht kinderlos zu bleiben. Svenja Jarchow hatte ihn. Jarchow ist 27 Jahre alt, hat einen kleinen Sohn. Vor zwei Jahren machte sie ihren Master in Biotechnologie, seitdem promoviert sie. Als sie sich noch vor ein paar Monaten die Nächte um die Ohren schlug und mit dickem Bauch im Büro saß, fragte sie sich, wie das klappen soll, wenn erstmal das Kind da ist.
Wenn Svenja Jarchow heute in die Uni geht, ist der kleine Johann meist dabei. Während sie über den Büchern hängt, krabbelt er auf dem Fußboden. Den richtigen Zeitpunkt für ein Kind, sagt Jarchow, gibt es nicht. Auch sie nahm sich für drei Monate eine Auszeit. Mehr hätte sie sich nicht leisten können, denn mit diesem Arbeitgeber muss sie weiter präsent sein – die Wissenschaft bietet ihren Angestellten zwar Flexibilität. Zugleich fordert sie sie aber auch. Vor allem von Frauen in Doppelfunktion.
Mehr über das Gender-Konzept der TU München erfahren Sie im Interview “Wie frauenfreundlich ist die TU München?” und in der Slideshow “Frauen mit Doppelfunktion”
