Exzellenzinitiative auf dem Prüfstand - ein Zwischenfazit

 

Wenn Wissenschaftler ein neues Medikament entwickeln, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, es entfaltet die erhoffte heilende Wirkung und erhält Einzug in die Medizinschränke der Patienten, oder es verschwindet für immer in der pharmazeutischen Abstellkammer für unbrauchbare Heilmittel. Am Patienten Universität sind in den letzten Jahren viele neue Wirkstoffe ausprobiert worden. Einige sind schnell wieder aus dem Verkehr gezogen worden. Andere prägen heute ihr Erscheinungsbild. Über deren Wirkung wird nach wie vor heftig gestritten.

 

Ab den Sechziger Jahren erhielt die deutsche Hochschullandschaft eine Frischzellenkur. An vielen Orten entstanden neue Universitäten, die Zahl der Studenten stieg stetig und erstmals stand die Universität allen gesellschaftlichen Schichten offen. Mit dem Bologna-Prozess, den die europäischen Bildungsminister 1999 beschlossen, begann ein Experiment. Die europäische Hochschullandschaft erhielt einheitliche Bachelor- und Masterabschlüsse. Vergleichbarkeit ist seitdem Trumpf. Studenten sollen mobil sein und vornehmlich für das spätere Berufsleben ausgebildet werden. Und damit nicht genug: Parallel zum größten Umstrukturierungsprozess, dem die deutschen Universitäten in ihrer Geschichte ausgesetzt waren, haben die Bildungspolitiker mit der Exzellenzinitiative ein weiteres, ganz besonders verführerisches Produkt auf den Markt gebracht. Mit ihr wollen sie einzelne Aspekte des Universitätskörpers verstärkt fördern, damit sich diese wissenschaftlichen Vorzeigeprojekte im Rückschluss stimulierend auf den gesamten Mechanismus auszuwirken.

 

Exzellenzinitiative – Segen oder Fluch für die Universitäten?

 

Seit eineinhalb Jahren gibt es die Exzellenzinitiative. Die Strukturen sind aufgebaut. Höchst umstritten ist aber bislang die Diagnose. Hilft die Exzellenzinitiative dabei, das angestaubte Image der deutschen Universitäten zu verändern, sodass sie auf absehbare Zeit mit der ausländischen Konkurrenz mithalten können? Oder baut die Initiative künstlich einige wenige Projekte so groß auf, dass die Universität am Ende gar als Gesamtgebilde auseinanderfällt?

 

In München besitzt der Streit um diese Frage eine besondere Brisanz. Sowohl die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) als auch die Technische Universität München (TUM) haben schon in der ersten Runde der Exzellenzinitiative gewonnen. In keiner anderen deutschen Stadt haben mehr Cluster und Graduiertenschulen seit einem längeren Zeitraum den elitären Status inne. Spricht man mit den Professoren, die die Cluster und Schools aufgebaut haben, herrscht erwartungsgemäß zunächst einmal Freude über die durch die Exzellenzinitiative gewonnen neuen Mittel und Möglichkeiten des Forschens. Besonders die Infrastruktur und die interdisziplinäre Zusammenarbeit über die Universitätsgrenzen hinaus habe sich durch die Clusterbildung verbessert, sagt Andreas Burkert vom „Cluster Universe“. Gemeinsam mit Kollegen von der TUM und dem Max-Planck-Institut forscht er über die Ursprünge und die Strukturen des Universums. Große Dienste leistet dabei ein Hochauflösungsrechner für Simulationen. Er konnte aus den Mitteln der Exzellenzinitiative finanziert werden.

 

Überhaupt das Geld. Kein Gespräch mit den Professoren vergeht, ohne dass sie auf die finanzielle Ausstattung der Projekte zu sprechen kommen. Zwei Dinge werden dabei schnell deutlich. Zum einen: Alle Wissenschaftler sind dankbar für die zusätzlichen Mittel, die ihnen für ihre jeweiligen Projekte zur Verfügung stehen. Sie können neue Stellen ausschreiben, den wissenschaftlichen Mittelbau stärken und Materialinvestitionen tätigen, die ohne die Exzellenzinitiative nicht möglich gewesen wären. Zum anderen erfahren sie aber auch täglich, wie eng die Grenzen dieser finanziellen Unterstützung gesteckt sind. Benedikt Grothe, Koordinator der „Graduate School of Systemic Neurosciences“, hat in dieser Woche einen herben Rückschlag in seinen Personalplanungen hinnehmen müssen. Er wollte ein renommiertes Forscherehepaar an seine Graduate School holen. Im letzten Moment erhielt er eine Absage. „Unser inhaltliches Angebot war besser, aber wir konnten beim Gehalt einfach nicht konkurrieren.“ Das Ehepaar geht nun nach San Diego.

 

Forscher fordern langfristige Planungssicherheit

 

Trotz Fällen wie diesen bereitet den Forschern aber nicht das Geld die größten Kopfzerbrechen. Viel gravierender wirkt sich die langfristig noch unklare Zukunft ihrer Cluster und Graduate Schools auf ihren Alltag aus. „Wir besitzen einfach keine Planungssicherheit“, kritisiert Jochen Feldmann, Koordinator der „Nanosystems Initiative Munich“. Die Politik müsse möglichst bald klar sagen, wie es mit den Exzellenzforschungen weitergeht. „Denn davon hängen schon heute viele wichtige Entscheidungen ab.“ Christian Stemmer, Projektleiter in der „International Graduate School of Science and Engineering“, pflichtet Feldmann bei. „Einrichtungen wie die Graduate School laufen in der zugesicherten Förderzeit von fünf Jahren erst einmal an.“ Mit einem bunten Prospekt, in dem die Projekte schön präsentiert werden, sei es nicht getan. Alle Forscher in den Instituten wünschen sich daher zurzeit vor allem eins: Planungssicherheit, um die immer noch jungen Strukturen nachhaltig zu festigen.

 

Die Exzellenzinitiative nimmt nur langsam Fahrt auf. Noch sind nicht alle Stellen in den Clustern und Graduate Schools mit neuem Personal besetzt. Alltagsroutine ist weiterhin vielerorts ein Fremdwort. Ganz anders sieht die Entwicklung hingegen bei der öffentlichkeitswirksamen Ausschlachtung des Exzellenzlabels aus. Beide Münchener Universitäten setzen ihren Elitestatus seit dem Tag der Bekanntgabe im Oktober 2006 ganz bewusst ein, um die Attraktivität des eigenen Standorts zu steigern. Die Bewerber häufen sich – auch in den Fachbereichen, die gar nichts oder nur sehr wenig mit der Exzellenzinitiative zu tun haben. Aber profitieren die Studenten überhaupt von der Exzellenzinitiative?

 

Moritz Tobiasch, Studentischer Vertreter im Senat der TUM, zeigt sich skeptisch. „Es ist zwar ein psychologischer Wandel zu spüren: Die Professoren fordern mehr von den Studenten, wenn sie Elite sein wollen und umgekehrt. Da die Exzellenzinitiative aber auf die Forschung und nicht auf die Lehre ausgerichtet ist, kriegen die meisten Studenten nichts von ihr mit.“ Auch Professoren von Fachbereichen, die nicht in einem der Cluster oder in einer der Graduate Schools aktiv sind, haben Vorbehalte gegenüber der Exzellenzinitiative. Der administrative Aufwand sei einfach enorm, sagt der Historiker Martin Baumeister. „Durch die Exzellenzinitiative soll die Forschung angetrieben werden, in den Zeiten der Anträge behindert sie aber eher die Arbeit, als dass sie nutzt.“ Bei den Entscheidungen der Exzellenzinitiative gibt es immer Gewinner und Verlierer. Die Gewinner haben in der Phase der Antragsstellung viel Zeit und Ressourcen investiert und sind belohnt worden. Die Verlierer haben ebenso viel Aufwand betrieben und stehen nun mit leeren Händen da. Der Philosophieprofessor Axel Hutter prognostiziert eine weitere durch die Exzellenzinitiative beförderte bedenkliche Entwicklung in der deutschen Hoschschullandschaft: Die Trennung zwischen Forschung und Lehre. „Einzelne Fakultäten wie die Biologie werden genau so wie ganze Universitäten zerrissen. Fächer können in ihrer Breite nicht mehr gelehrt werden, und auch in den Universitäten werden einige wenige Hotspots zur Förderung auserkohren, die die Einheit der Universität akut gefährden.“

 

Nur eine breite finanzielle Unterstützung kann helfen

 

Wie ist es also bestellt um den Zustand des Patienten Universität? Wirkt die Exzellenzinitiative befreiend gegen längst überkommene und verkrustete Strukturen, oder verfehlt es gänzlich seine Wirkung und zersetzt die Universität von innen? Eine einfache Antwort lässt sich auch eineinhalb Jahre nach der ersten Kür von Exzellenzuniversitäten nicht finden. Der große administrative Aufwand und der geringe oder gar nicht vorhandene Ertrag sprechen sicherlich gegen die Initiative. Auch die über den Universitäten schwebende Gefahr einer Zweiklassengellschaft von exzellenten Forschungseinrichtungen und mittelprächtigen Lehrhochschulen wird durch die Exzellenzinitiative eher verstärkt als gemildert. Und dennoch: Es ist allerorts festzustellen, dass sich in den Universitäten eine Aufbruchstimmung breitmacht. Jede Fakultät muss sich dem deutschlandweiten Wettbewerb stellen. Wer nicht mitmacht, ist schnell abgeschlagen im Rennen um Drittmittel, Forscher und Studenten. Strukturen müssen hinterfragt, alte Gewohnheiten verändert werden. Zu begrüßen ist auch die nun stärker geförderte Möglichkeite, die renommiertesten Forscher disziplinenübergreifend zusammenzurufen, um einen Themenkomplex aus vielen verschiedenen Perspektiven zu bearbeiten. Deutschland braucht derartige Spitzenforschungsprojekte.

 

Woran die Exzellenzinitiative aber entscheidend krankt, ist die viel zu geringe finanzielle Unterstützung. Der symbolische Effekt des Exzellenzlabels hat bislang gefruchtet. Dem müssen nun aber inhaltliche Argumente folgen. Wenn die weltweit besten Forscher mit den modernsten Forschungsinstrumenten nach Deutschland gelockt werden sollen, muss viel Geld locker gemacht werden. 1,9 Milliarden für die gesamte Exzellenzinitiative waren ein Anfang. Nun liegt es an der Politik, die Universitäten weiter zu unterstützen. In der Breite und in der Spitze.

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